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Die Schuppenwurz - ein aussergewoehnlicher Dieb

Im Frühling, von März bis Anfang Mai, kann man sie mancherorts in feuchten Laubmischwäldern entdecken, die Schuppenwurz, Lathraea squamaria. Auf den ersten Blick sieht sie etwas seltsam aus: Weiss oder rosa gefärbt und etwas fleischig, nicht grün wie andere Pflanzen. Der oberirdische Spross ist etwa 10-30 cm hoch und trägt viele weissrosa Blüten, die in einer einseitswendigen, meist etwas gekrümmten Traube angeordnet sind. Daneben sind ein paar wenige, kleine, schuppenförmige Blätter ausgebildet, die gleich gefärbt sind wie der Rest der Pflanze. Unterirdisch bildet sie ein langjähriges, reich verzweigtes Rhizom, das mit fleischigen Schuppen besetzt ist.

 


Woher beschafft sie sich den existenziellen Zucker?

Da die Schuppenwurz keine grünen Pflanzenteile hat, kann sie selber keinen Zucker herstellen. Ihr fehlt dazu das Blattgrün (Chlorophyll) mit dem grüne Pflanzen das aus der Luft aufgenommene CO2 mithilfe von Sonnenlicht in Zucker umwandeln (=Photosynthese). Die Schuppenwurz muss sich also den lebensnotwendigen Energie- und Baustoff anderweitig beschaffen. Aber wie?

Womöglich kennst du die Antwort schon. Viele chlorophyllose Pflanzen bedienen sich nämlich derselben Strategie. Die Schuppenwurz ist allerdings anders als ihre Gleichgesinnten, sozusagen ein absoluter Sonderfall. Warum? Das erfährst du in der Lösung unter den Bildern. Die Antwort erklärt übrigens auch weshalb sie nur sehr früh im Frühling zu sehen ist und im Sommer wie vom Erdboden verschluckt scheint.



lösung

Parasitismus im Pflanzenreich

Den lebensnotwendigen Zucker beschafft sich die Schuppenwurz indem sie ihn von anderen Pflanzen stiehlt, meist von Bäumen und Sträuchern wie z.B. von Buchen oder Haseln. Mit ihren unterirdischen Saugorganen dringt sie in die Wurzeln ihrer Wirtspflanzen ein und zapft dort deren Saft an. Diese Art der Zuckerbeschaffung ist eigentlich nichts aussergewöhnliches im Pflanzenreich. Neben der Schuppenwurz tummeln sich weitere Parasiten in unseren Wäldern und Wiesen. Zum Beispiel ihre nächsten Verwandten, wie die Arten der Gattungen Sommerwurz (Orobanche), Klappertopf (Rhinanthus) und Läusekraut (Pedicularis), die wie die Schuppenwurz in die Familie der Sommerwurzgewächse (Orobanchaceae) gehören. Aber auch nicht näher verwandte Arten wie die Nestwurz (Neottia-nidus avis) aus der Familie der Orchideen (Orchidaceae) oder die Seiden (Cuscuta sp.) aus der Familie der Windengewächse (Convolvulaceae) bedienen sich derselben, parasitischen Strategie.

Ein aussergewöhnlicher Dieb

Unter all diesen Parasiten ist die Schuppenwurz ein absoluter Sonderfall weil sie den Pflanzensaft aus dem Xylem der Wirts-pflanzen und nicht aus dem Phloem anzapft. Das Xylem sind jene Leitungsbahnen, die in der Regel gar keinen Zucker enthalten, sondern lediglich für den Transport von Wasser und Mineralstoffen zuständig sind. Zucker wird normaler-weise im Phloem transportiert, weshalb die meisten Parasiten auch diesen Leitbündeltyp anzapfen. Im Jahresverlauf gibt es aber eine Ausnahme. Nämlich dann, wenn die Bäume und Sträucher im Frühling ihre Blätter austreiben. Dann ist auch das Xylem mit Zucker (eingelagerte/gespeicherte Zucker) getränkt und folglich der Tisch für die Schuppenwurz reichlich gedeckt. Genau zu dieser Zeit, also von März bis Anfang Mai, spriesst sie aus dem Boden und entfaltet ihre weiss- bis rosafarbenen Blüten zur Fortpflan-zung. Nach der Samenreife verschwindet sie wieder und über-dauert im Boden. Im Sommer scheint es dann, als wäre sie vom Erdboden verschluckt und nie dagewesen.


Jetzt ist es wieder soweit

Halte die Augen offen, wenn du in nächster Zeit durch Laubmischwälder spazierst. Jetzt spriesst sie mancherorts wieder aus dem Boden. Zwischen den letztjährigen Blättern ist sie aber nicht immer einfach zu erkennen. Wenn du sie entdeckst, freuen wir uns unten über einen Kommentar oder ein Bild. :-)

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