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Gelbe Fichten - Was ist geschehen?

Jetzt, im Spätsommer und Frühherbst, kann man mancherorts in den Bergen gelb verfärbte Fichten beobachten. Habt ihr dieses Phänomen auch schon gesehen? Und euch vielleicht gefragt, was da los ist? Denn normalerweise verfärben sich ja nur die Lärchen, und das auch erst im Oktober. Ein Hinweis: Die Alpenrose trägt eine gewisse Mitschuld!

 

Die Bilder sind am 20. August 2020 in Graubünden oberhalb Bergün auf knapp 2'000 müM entstanden. Auf einer Fläche von etwa 100 Quadratmetern waren praktisch alle Fichten (Picea abies) gelb verfärbt. Die jungen Fichten schienen etwas stärker betroffen zu sein als die alten.

 

Dieses auffällige Naturereignis ist Ende August und September in manchen subalpinen Nadelwäldern der Alpen zu beobachten.

Beim genaueren Hinsehen ist zu erkennen, dass jeweils nur die diesjährigen Triebe, also nur die äussersten Abschnitte der Zweige gelb sind. Die Nadeln der älteren, weiter innen gelegenen Triebe sind nach wie vor kräftig grün. Zudem kann man an den gelben Nadeln kleine weisse, pergamentartige Fetzen entdecken.


Die Ursache

Grund für die gelb verfärbten Nadeln ist ein Rostpilz, ein sogenannter Fichtennadelrost aus der Gattung Chrysomyxa. Er befällt im Frühling die jungen, aus den Knospen hervorbrechenden Fichtennadeln. Ältere Nadeln werden nicht befallen. Das erklärt, weshalb sich nur die äussersten Zweigspitzen verfärben. Im Laufe des Sommers entstehen auf den befallenen Nadeln gelbe Querbänderungen, auf denen der Pilz seine Sporen bildet. Diese Sporenbehälter platzen im August auf und bleiben als weisse Fetzen an den Nadeln noch lange sichtbar. Die Nadeln fallen dann später im Herbst ab.

Die Mitschuld der Alpenrose

Meist befinden sich Alpenrosen (Rhododendron sp.) in unmittelbarer Nähe zu befallenen Fichten. So auch oberhalb von Bergün, wo die Bewimperte Alpenrose (Rhododendron hirsutum) neben befallenen Fichten gewachsen ist. In weiter unten gelegenen Waldbereichen ohne Alpenrosen, waren die Fichten vollständig grün und scheinbar gesund. Das ist kein Zufall, denn mit grosser Wahrscheinlichkeit handelte es sich um den Alpenrosen-Fichtennadelrost (Chrysomyxa rhododendri), dem häufigsten aller Fichtennadelrostpilzarten der Schweiz. Der Alpenrosen-Fichtennadelrost ist auf die Anwesenheit der Alpenrose angewiesen, da er einen Teil seines Entwicklungszyklus auf ihr vollzieht. Als sogenannte Zwischenwirte dienen beide in der Schweiz häufigen Alpenrosen-Arten, sowohl die Rostblättrige als auch die Bewimperte (R. ferrugineum bzw. R. hirsutum).



Man kann sich den Entwicklungszyklus des Pilzes als einen Kreislauf durchs Jahr vorstellen. Die Sporen (Aecidiosporen), die sich im August auf den Fichten entwickeln, befallen die Blätter der umliegenden Alpenrosen, wo der Pilz anschliessend überwintert und seinen ersten Entwicklungsschritt vollzieht. Im darauffolgenden Frühling bildet er dann auf den Blättern der Alpenrosen Sporen (Basidiosporen), die anschliessend junge Fichtennadeln befallen, wo er seinen zweiten Entwicklungsschritt wiederum mit der Bildung von Sporen (Aecidiosporen) vollendet. Dieser Zyklus vollzieht sich von Jahr zu Jahr und ist ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems subalpiner Nadelwälder. Die Fichten nehmen zwar einen gewissen Schaden, sie sterben aber nie ganz ab. Zudem ist die Stärke des Befalls klimaabhängig und deshalb nicht jedes Jahr gleich stark.

Augen auf bei der nächsten Wanderung

Solltet ihr mal auf Fichten mit gelb verfärbten Spitzen stossen, dann haltet Ausschau nach Alpenrosen. Wir freuen uns, wenn ihr uns unten in den Kommentaren von euren Entdeckungen berichtet.

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Kommentare: 3
  • #1

    Ursula Heiniger (Samstag, 05 September 2020 09:41)

    Ein schöner Artikel - hat mich sehr gefreut!
    Vielleicht noch dies: die Knospen werden nicht befallen. Fehlende Nadeln an alten Nadeljahrgänge zeigen einen früheren Befall an.
    Ursula (em. Forstpathologin)

  • #2

    Team Botanikexkursionen (Sonntag, 06 September 2020 16:02)

    Liebe Ursula

    Vielen Dank für deine Ergänzung! Sehr spannend! Sonja

  • #3

    Susanne (Mittwoch, 09 September 2020 10:03)

    Ihr habt das Phänomen so anschaulich und fundiert vermittelt und damit eine weitere Beziehung zwischen Artengruppen aufgezeigt. Danke!